Alte Selfie-Ziegen

Ich bin schon länger großer Fan von Poetry Slams und schreibe hin und wieder selbst kurze Geschichten. Nicht unbedingt dafür oder um witzig zu sein, ich mag es einfach zu schreiben. Bisher hatte ich keinen großen Drang, diese Geschichten zu veröffentlichen, aber nach der Lektüre von Bente Varlemanns “Unser Verhältnis verhält sich verhalten”, wollte ich es einfach auch mal wagen.

Alte Sefie-Ziege

Ich bin alt. Es ist Freitagnacht- oder halt schon Samstagmorgen- und ich bin um 01:12h schon wieder auf dem Weg vom Kiez nach Hause. Unvorstellbar für die Massen, die mir an der U-Bahn entgegen strömen und mich verwundert und mitleidig anschauen. Klar, vom Verhältnis steht es jetzt auch ungefähr 157:1… oder wie viele angetrunkene Jugendliche halt in so eine Bahn passen.

Eigentlich bin ich mit meinen 24 Jahren noch gar nicht so viel älter, aber manchmal fühle ich mich steinalt, wenn ich mir das so angucke. Routiniert habe ich inzwischen meine Position an der Bahnsteigkante eingenommen und warte auf den Zug, der schon in einer Minute kommen soll. Um mich herum stehen nun doch auch einige Menschen, die hier ebenfalls weg wollen- allerdings an strategisch völlig ungünstigen Punkten, um gleich bequem einsteigen zu können. Bei diesem Gedanken merke ich, dass ich das Ganze hier wohl doch schon viel zu lange mitmache. Ich hatte in kürzester Zeit gelernt, wo man am besten steht, damit man das gleich im Zug nicht mehr muss. Viele andere hier hatten da wohl noch Nachholbedarf. Oder sie stehen gerne in vollen Zügen. Für mich völlig unverständlich. In öffentlichen Verkehrsmitteln zu stehen und hin und her geschaukelt zu werden ist das Schlimmste…

Wie erwartet klappt alles wie geschmiert und ich sitze auf meinem Stammplatz im letzten Wagen. Auf einem der einzelnen Sitze auf der linken Seite- damit sich keiner mehr neben mich setzen kann. Da bin ich nachts eigen- ich klammere die Chance, dass neben mit jemand sitzen könnte, der sich seine Getränke und den schnellen Burger bei Mäcces noch mal ’durch den Kopf gehen’ lassen könnte, lieber aus. Eigentlich stimmt das nicht. Doch klar, das ist einer der Gründe, aber viel mehr hasse ich es, tags wie nachts, wenn jemand neben mir sitzt, denn dieser jemand sitzt meist breit und ungeniert in meiner Komfortzone.

Ich habe vor kurzem ein neues Buch angefangen und lese- noch so ein Punkt, der mich hier inmitten von Leuten, die längst genug haben, uncool macht. Ich lese. Nachts um kurz nach eins, auf dem Weg nach Hause.

Jedenfalls tue ich das eine ganze Zeit, bis ich dem Gespräch des Pärchens mir schräg gegenüber einfach nicht mehr entkommen kann. Sie hat irgendwie eine neue Speicherkarte im Handy und eigentlich ist das doch eine alte, denn da sind ja ganz viele alte Bilde drauf. Sie quiekt vergnügt und er lässt sie quieken. Ich blicke leer auf meine Seiten und gebe mir große Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. „Irgendwo habe ich auch noch ein Selfie mit einer Ziege“, höre ich sie dann sagen und ich lege den Kopf schräg. Ernsthaft? Ich finde Selfies ja generell völlig überbewertet, wahrscheinlich liegt das am Alter.

Dabei ist mir das fotografieren ja gar nicht fremd, lediglich dieser Drang, selbst auf den Bildern mit drauf zu sein. Landschaften sind doch zum-später-noch-mal-angucken ohne mich viel schöner… oder nicht? Wahrscheinlich ist auch die Ziege ohne mich besser dran. Aber vielleicht ein Stück weniger lustig. Oder ich habe einfach keinen Humor. Das kann auch sein.

Leider werde ich nichts Näheres zu der Ziegen-Geschichte erfahren, denn das Pärchen steigt aus, und der Zug besteht nur noch aus Schweigen. Dann kann ich mich ja wieder meinem Buch widmen, denke ich und schaue nicht mehr durch die Seiten hindurch, sondern lese die Worte. Leider erinnere ich den Kontext nicht mehr und muss noch ein paar Seiten zurück blättern. Ich werde alt…

 

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